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Archiv Stiftung Werkvermächtnisse
„Der bestirnte Himmel
über mir …“ ist der Mikrokosmos.
Ihr versucht, Ihn unter Euere Mikroskope zu legen: ... und ‚Gott‘ lächelt sanft über solche Einfalt! - Alles ist Geist.
[*]Luxemburg, Rosa
(1871-1919), bedeutende Vertreterin der europäischen Arbeiterbewegung, des
Marxismus, Antimilitarismus und des Proletarischen Internationalismus, in: Zur
Russischen Revolution, 1918 verfaßt, Gesammelte Werke, Bd. 4, 6.,
überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin, 2000, S. 332-362; bzw. hier: „…Die stillschweigende Voraussetzung der Diktaturtheorie im
Lenin-Trotzkischen Sinn ist, daß die sozialistische Umwälzung eine Sache sei,
für die ein fertiges Rezept in der Tasche der Revolutionspartei liege, dies dann
nur mit Energie verwirklicht zu werden brauche. [4*] Dem ist leider – oder je nachdem: zum Glück –
nicht so. Weit entfernt, eine Summe fertiger Vorschriften zu sein, die man nur
anzuwenden hätte, ist die praktische Verwirklichung des Sozialismus als eines
wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Systems eine Sache, die völlig im
Nebel der Zukunft liegt. Was wir in unserem Programm besitzen, sind nur wenige
große Wegweiser, die die Richtung anzeigen, in der die Maßnahmen gesucht werden
müssen, dazu vorwiegend negativen Charakters. Wir wissen so ungefähr, was wir
zu allererst zu beseitigen haben, um der sozialistischen Wirtschaft die Bahn
frei zu machen, welcher Art hingegen die tausend konkreten praktischen großen
und kleinen Maßnahmen sind, um die sozialistischen Grundzüge in die Wirtschaft,
in das Recht, in alle gesellschaftlichen Beziehungen einzuführen, darüber gibt
kein sozialistisches Parteiprogramm und kein sozialistisches Lehrbuch
Aufschluß. Das ist kein Mangel, sondern gerade der Vorzug des
wissenschaftlichen Sozialismus vor dem utopischen. Das sozialistische
Gesellschaftssystem soll und kann nur ein geschichtliches Produkt sein, geboren
aus der eigenen Schule der Erfahrung, in der Stunde der Erfüllung, aus dem
Werden der lebendigen Geschichte, die genau wie die organische Natur, deren
Teil sie letzten Endes ist, die schöne Gepflogenheit hat, zusammen mit einem
wirklichen gesellschaftlichen Bedürfnis stets auch die Mittel zu seiner
Befriedigung, mit der Aufgabe zugleich die Lösung hervorzubringen. Ist dem aber
so, dann ist es klar, daß der Sozialismus sich seiner Natur nach nicht
oktroyieren läßt, durch Ukase [Ukas: russ. Erlaß, Verordnung, Weisung (des
Zaren)] einführen. Er hat zur Voraussetzung eine Reihe Gewaltmaßnahmen – gegen
Eigentum usw. Das Negative, den Abbau kann man dekretieren, den Aufbau, das
Positive nicht. Neuland. Tausend Probleme. Nur Erfahrung ist imstande,
zu korrigieren und neue Wege zu eröffnen. Nur ungehemmt schäumendes Leben
verfällt auf tausend neue Formen, Improvisationen, erhält schöpferische
Kraft, korrigiert selbst alle Fehlgriffe. Das öffentliche Leben der Staaten
mit beschränkter Freiheit ist eben deshalb so dürftig, so armselig, so
schematisch, so unfruchtbar, weil es sich durch Ausschließung der Demokratie
die lebendigen Quellen allen geistigen Reichtums und Fortschritts absperrt.
(Beweis: die Jahre 1905 und die [Monate] Februar bis Oktober 1917.) Wie dort
politisch, so auch ökonomisch und sozial. Die ganze Volksmasse muß daran
teilnehmen. Sonst wird der Sozialismus vom grünen Tisch eines Dutzends
Intellektueller dekretiert, oktroyiert. …“
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